Spottender Tölpel

Hallo, ich heiße Pascal und habe vor wenigen Minuten die letzten Seiten des dritten Bandes der Hunger Games Trilogie weggelesen, was bedeutet, dass ich jetzt damit fertig bin, es sei denn, Suzanne Collins bemerkt spontan dass Geld. Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, mir ein berechtigtes Urteil bilden zu können und an dieser Stelle solltet ihr gewarnt sein, dass ich keinerlei Rücksicht auf niemanden nehmen werde und vermutlich im ersten Satz das Ende der Reihe verraten werde, seht dies hier also bitte als euren letzten, sicheren Ausstiegspunkt (Wenn ihr den Text nur überflogen habt und dabei aus versehen lest, dass Katniss Präsident Snow heiratet und Peeta ihr Haussklave wird, oder so, dann tja, Pech gehabt).

Bevor ich ans Eingemachte gehe, also anfange, über das, was ich gelesen habe, wirklich zu reflektiere, bringen wir den langweiligen Teil hinter uns: Alle Bücher sind spannend geschriebene Abenteuerromane und niemand wird es für verschwendetes Geld oder Zeit halten, sie gelesen zu haben. Natürlich ist die Idee mit den Hungerspielen nicht neu in der Weltliteratur (Hallo Battle Royale Flamekinder!), die Welt als Ganzes ist aber durchaus sehr phantasievoll aufgebaut und sogar intelligenter, als der platte Wortwitz “Panem” vermuten ließe. Dabei wird ziemlich wenig über die Hintergründe erklärt, wie es eigentlich zur aktuellen Gesellschaftsform und der allgemeinen Lage der Erde kam, aber durch sinnvolles und stringentes World Building, das ja sowieso viel wichtiger ist, konnten durch Andeutungen viele Sachen erklärt werden, ohne wirklich dort zu stehen: Fortgeschrittene, aber nicht all zu ferne Zukunft, globale Erwärmung, vermutlich ein Krieg und eine militärisch starke Gruppe, die die Macht an sich reißt.

Ja, das alles machen die Bücher ziemlich gut. Das größte Problem hat aber sogar einen Namen: Katniss Everdeen. Katniss sollte eigentlich die traurige Heldin der Romane sein, schafft es aber vor allem über eine stolze Dauer von gut 1300 Seiten konsequent unsympathisch und weder traurig noch eine Heldin zu sein. Einfach ausgedrückt ist Katniss das, vor dem man uns versuchte zu warnen, indem wir in einer normalen, schulischen Laufbahn zwei bis vier Mal “Deutschland zwischen 1933 und 1945” im Geschichtsunterricht hernimmt. Natürlich lebt sie in Distrikt 12 ein beschwerliches Leben, aber im Großen und Ganzen ist sie damit zufrieden. Besonders nach ihren ersten Hungerspielen lernt sie dann alle Probleme von Panem kennen, inklusive Unterdrückung und Verfolgung, aber ihre größte Sorge ist es, aus ihrem bequemen Leben gerissen zu werden und sie befolgt blind für dessen Grausamkeit die Befehle von Präsident Snow, der ihr verspricht, ein etwas bequemeres Leben dafür führen zu dürfen.

Dafür spielt sie auch ununterbrochen mit den Gefühlen Anderer, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre kalte, berechnende Art zieht sich wie ein roter Faden durch alle Romane und sie lässt damit ausnahmslos jeden, der ihr nahe kommt, verletzt zurück. Thematisiert wird das nur ganz kurz im letzten Drittel des letzten Teiles, dann darf Katniss auch mal eine Sekunde über sich selbst reflektieren, um dann am Ende wieder für ihr eigenes Wohl mit Peeta glücklich werden, den sie im Glauben lässt, ihn zu lieben, was nach der Folter durch das Kapitol für ihn nur durch den äußeren Druck, keine Lüge leben zu wollen, zum erstrebenswerten Ziel wird. Explizit sagt sie ihm nicht, dass sie ihn liebt und er ist sich dessen vermutlich bewusst, aber sie braucht ihn, um angstfrei leben zu können (Ein Gefühl, das sie in ihrem kurzen Moment der Reflektion um jeden Preis vermeiden will, eine Beziehung, weil sie selbst Nutzen daraus zieht) und er braucht sie, um nicht für immer das Gefühl eines Krüppels zu haben. Ja, eine gesunde Beziehung sieht anders aus.

Ihre offene Ablehnung gegenüber Haymitch ist mehr als nur ein bisschen arrogant, denn neben Peeta ist er derjenige, der am meisten auf ihrer Seite ist und für sie kämpft, wenn er als strenge und fordernde, aber auch fürsorgliche und beschützende Vaterfigur über sie wacht, was sie, ganz Teenager, der sie ist, offen ablehnt, als sie gegen seinen Willen das Krankenhaus beschützen will und sich dadurch in Lebensgefahr bringt, aber dann wieder für sich einfordert, wenn sie ihn braucht. Dabei macht sie ihm das Leben so schwer wie möglich, denn wenn er den Alkohol unter Kontrolle bringt, um ihr Überleben zu sichern, wird deutlich, wie wichtig sie für ihn ist, doch in keiner Sekunde weiß sie ihm das zu danken und reagiert immer nur mit Abscheu. Ihr Beziehung zu Gale ist das einzige, was nicht durch sie vollständig zerstört wird. Sie versucht ihn immer zu beschützen und ihre größte Sorge ist es oft, ihn zu verletzen. Sie hat Gale wahrscheinlich sogar wirklich geliebt und hatte nicht den Mut, sich und ihm das einzugestehen, weil ihr privater Lebensentwurf keine Liebe vorsah. Natürlich kann man sagen, dass die Hungerspiele ihre Beziehung zu Gale zunichte gemacht haben, auf der anderen Seite taten alle, inklusive Peeta, immer alles, damit Liebe zustande kommen kann, was von ihr konsequent abgeblockt wurde. Immerhin schafft sie es schließlich, auch gegen ihn eine offene Ablehnung zu entwickeln, so dass sie ihn nicht mehr hinhält und er die Gelegenheit bekommt, mit ihr abzuschließen und diese offensichtlich auch nutzt.

Während sie in der ersten Hälfte, bis zur Verkündung der 75. Hungerspiele, noch hauptsächlich von Angst geleitet wird, was sie wenigstens wenn schon nicht sympathisch, dann doch nachvollziehbar und auch wenig angreifbar macht, schlägt ihre Motivation um in blanken Hass und Rachsucht, so dass all ihre schlechten Eigenschaften noch besser hervortreten können. Sie will bis zum Ende nur selbstgerecht Präsident Snow niederstrecken, und selbst als sie diesen verschont, um Coin zu töten, tut sie dass aus das nur, um Selbstjustiz zu üben, aus dem bloßen Anflug der Ahnung heraus, dass sie Coin hassen müssen könnte. Auch wenn von dieser nach ihrem ersten Auftritt jedem mitdenkenden Leser klar gewesen sein müsste, dass sie auch nicht bedingungslos zu den Guten gehört und ihre eigenen Pläne verfolgt, während Snow offene Grausamkeit zelebrierte bekam dieser immerhin einen Prozess, während Coin ermordert wurde, von einer Jugendlichen, aus einer Ahnung heraus, die auch niemals aufgeklärt wird. Und das, nachdem sie ihre Freunde wissentlich durch eine Lüge in den Tod geschickt hat, was sie auch erst bereit ist zuzugeben, als es für zwei Drittel schon zu spät ist, damit sich am Ende alles als erfolglos herausstellen kann.

Nein, Katniss ist wirklich keine besonders gute Person, nichtmal nett oder freundlich. Natürlich leidet sie auch sehr viel, was man ihr zwar nicht gönnt, man fiebert aber auch nicht sonderlich mit, ob sie jemals wieder glücklich wird. Dabei handelt sie nie wegen ihres Heldenmutes, sondern immer nur weil man sie zwingt oder für ihren persönlichen Vorteil. Ihre einzige, positive Eigenschaft scheint die Liebe zu ihrer Schwester zu sein, wodurch die ganzen Ereignisse dann ja auch ins Rollen gebracht werden, ab dort passiert dann aber alles nur noch von Außen gesteuert. Ja, Katniss hätte als Träger unendlicher Unsympathie das Potenzial gehabt, alle drei Romane nachhaltig zu zerstören, wären nicht die Nebencharaktere die tragischen Helden, zu denen Katniss hätte gehören sollen und wäre man nicht so interessiert am Schicksal der Welt als Ganzes.

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