Verhindert höhere Wahlbeteiligung rechte Parteien? Die statistische Antwort.

Vor jeder Wahl werden die sozialen Netzwerke vollgeschrien mit Aufforderungen, wählen zu gehen, weil sonst ja die anderen gewinnen, weil die ja immer alle zur Wahl gehen. Und dann gibt es auch vermehrt laute Stimmen, die das Gegenteil behaupten: Die ganzen Nichtwähler sind unzufrieden mit der aktuellen Politik, weil sie zusehends rechtere Meinungen vertreten, und könnten wir sie zur Urne zwingen, sähen die Ergebnisse noch katastrophaler aus. Statt mitzuschreien habe ich mich jetzt dazu entschieden, mein Wissen über Statistik zu nutzen, den Zusammenhang wirklich zu untersuchen. Dazu habe ich die (vorläufigen) Ergebnisse der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz genommen und die Wahlbeteiligung (in Prozentpunkten) mit den Zweitstimmen für einige Parteien (auch in Prozentpunkten) verglichen. Heruntergebrochen habe ich es auf Wahlbezirksebene. Ich möchte leider keine Kurzfassung der Ergebnisse geben, weil diese statistisches Grundwissen voraussetzen oder den Sachverhalt grob verzerrend darstellen würden.

Eingeteilt habe ich die Parteien in superrechte Parteien (NPD, Republikaner und Der Dritte Weg), besorgte Parteien (AfD, ALFA) und allgemein rechte Parteien (beide Gruppen zusammen). Vorweg möchte ich schicken, was Korrelation überhaupt bedeutet. Eine Korrelationsanalyse untersucht, wie stark Datenpunkte mathematisch zusammenhängen. Sie kann niemals einen logischen Zusammenhang zwischen zwei Zahlen herstellen, da sie immer nur eine Aussage über bereits bekannte Zahlen trifft, aber nicht über noch zu ermittelnde Zahlen. Selbst eine perfekte Korrelation bedeutet lediglich dass wir, würden wir morgen einen Wahlbezirk finden, den wir vergessen haben auszuzählen, aus dessen Wahlbeteiligung eine gute Vermutung darüber ableiten könnten, wie das Ergebnis der rechten Parteien sein wird. Da eine Korrelationsanalyse keine Aussage über die Ursache der Zahlen treffen kann ist es sehr gut möglich, dass diese Vermutung sehr weit daneben liegen würde. Korrelation gibt lediglich einen Hinweis darauf, dass ein Zusammenhang bestehen könnte. Man kann die Zahl benutzen, um eine These zu stützen, aber niemals, um sich eine absolute Aussage aus ihr abzuleiten1. Noch dazu ist die Menge der Datenpunkte mit 51 Wahlbezirken ziemlich klein – die Aussagekraft aller statistischen Kennzahlen auf so kleine Datenmengen ist sowieso fragwürdig.

Jetzt wo das gesagt ist: Der Pearson-Koeffizient2 zwischen der Wahlbeteiligung und dem Ergebnis rechter Parteien beträgt -0,28. Betrachten wir nur die superrechten Parteien beträgt der Koeffizient -0,23, nur bei den besorgten Parteien beträgt er auch -0,28. Negative Zahlen bedeuten, dass eine Steigerung der Wahlbeteiligung mit einem Sinken der Anteile der rechten Parteien einhergeht. Zum Vergleich: Die Korrelation zwischen rechten Parteien und der Länge des Namens des Wahlbezirks, von der ja nun wirklich niemand behaupten möchte, dass ein Zusammenhang besteht, beträgt 0,09. Die Korrelation zwischen CO2-Ausstoß und Jahresdurchschnittstemperaturen, von der hoffentlich alle annehmen, dass ein Zusammenhang besteht, beträgt je nach Quelle und Periode zwischen 0,35 und 0,60. Die Stärke der Korrelation wird ausgedrückt durch den Abstand des Koeffizienten von Null, das heißt die Korrelation Wahlbeteiligung-Rechts ist stärker als Name-Rechts, aber schwächer als CO2-Temperatur. Dieser Koeffizient alleine drückt aus, dass zwischen den Zahlen wirklich ein leichter Zusammenhang besteht. Bezirke mit höherer Wahlbeteiligung hatten schlechtere Ergebnisse der rechten Parteien.

Leider ist das noch nicht die ganze Wahrheit. Versuchen wir nämlich eine Trendlinie zu ermitteln3 stellen wir fest, dass dieser Zusammenhang so nur in den niedrigeren Wahlbeteiligungen existiert. Für Wahlbeteiligungen über 72% lässt sich der genau gegenteilige Effekt feststellen: Mit steigender Wahlbeteiligung steigt auch wieder der Anteil der rechten Parteien. Ignorieren wir alle Bezirke mit einer Wahlbeteiligung unter diesen 72% beträgt der Pearson-Koeffizient 0,49. Der Zusammenhang ist nicht nur viel stärker, er ist auch in die gegenteilige Richtung, das heißt eine Steigerung der Wahlbeteiligung geht mit einer Steigerung des Stimmenanteils rechter Parteien einher.

Grafik Wahlbeteiligung-Rechts

Mit einer höheren Wahlbeteiligung den rechten Parteien entgegenzuwirken hat also bei dieser Wahl nur bis zu einer bestimmten Wahlbeteiligung funktioniert. Darüber haben mehr Wähler nur für einen noch höheren Anteil rechter Parteien gesorgt. Wie gesagt lässt sich daraus weder ein Zusammenhang herleiten noch eine Aussage für die Zukunft treffen. Aber eine These, die es viel weiter zu überprüfen gilt, bevor wir sie als richtig betrachten können, würde ich doch gerne formulieren: Eine höhere Wahlbeteiligung führt nicht automatisch zu einem schlechteren Abschneiden der rechten Parteien, weil eben nicht alle Nichtwähler etwas anderes wählen würden. Im Gegenteil legen die Zahlen sogar nahe, dass die rechten Tendenzen noch weitaus größer sind, als es die Wahlergebnisse vermuten lassen. Und dem Erstarken rechter Parteien kann man nicht mit Aufrufen zur Wahl entgegenwirken, sondern mit Ursachenforschung und -bekämpfung.

Die von mir verwendeten Daten und meine Analysen sind hier einsehbar.

  1. Es gibt sogar eine sehr lustige Website, die Korrelationen zwischen absolut nicht zusammenhängenden Zahlen aufzeigt.
  2. Ein statistisches Maß, um die Stärke einer Korrelation auszudrücken, das zwischen -1 und 1 liegt.
  3. Ich verwende ein Polynom 2. Grades

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *