Hi, ich bin Pascal und ich habe Fifty Shades of Grey gesehen

Und zwar aus diesem Grund: Er war kostenlos auf Amazon Prime und ich wollte nicht griesgrämig aus der Ecke motzend über den Film urteilen, ohne ihn wenigstens ein Mal gesehen zu haben. Das ist jetzt schon einige Wochen her, aber ich habe mich erst jetzt entschlossen, etwas dazu zu sagen. Und naja, sind wir ehrlich, das ist wirklich kein guter Film, aus Gründen, die an allen anderen Orten im Internet schon zur Genüge diskutiert wurden, also beschränke ich mich auf die beiden offensichtlichsten: Erstens funktioniert ein Roman, dessen hauptsächlicher Konflikt der innere Konflikt der Protagonistin ist nicht als Film ohne viel Arbeit zu investiere, was offensichtlich unterlassen wurde und zweitens habe ich absolut keine Ahnung, was Ana überhaupt an Christian findet. Andersrum kann ich wenigstens gut verstehen, warum sich Christian zu Ana hingezogen fühlt, also: It’s something?

Aber wie gesagt, es ist müßig und ein bisschen langweilig, den Film schon wieder inhaltlich auseinanderzunehmen. Deswegen werfe ich lieber eine Meinung in den Raum, die mir ab und zu schon begegnet ist, aber die mir in unserem intellektuellen Elfenbeinturm der Hochkultur ein wenig fehlt: Fifty Shades of Grey ist kein guter Film und ich bin wirklich froh, dass es ihn gibt und dass er so erfolgreich ist. Denn es ist ein Film, dessen einziges Thema eine unübliche Sexualpreferenz ist und der dieses Thema überaus positiv betrachtet. Es ist keine schnulzige Romanze (naja, nicht nur), es ist ein Fickfilm mit Peitschen1 und Leute rennen scharenweise ins Kino, um Leute beim Ficken und Peitschen anzuschauen. Fifty Shades of Grey ist ein großer Gewinn für gesamtgesellschaftliche Sexpositivität.

Ich will mir gar nicht ausmalen müssen, wie viele Leute durch Christian Grey gelernt haben, was ein Safeword ist, was man mit einem Buttplug anstellt und natürlich auch, dass es nichts wichtigeres als Einvernehmlichkeit gibt. Große Teile der Handlung drehen sich ausschließlich um das Festlegen und anschließende Erreichen von Grenzen. Dinge werden in Körperöffnungen gesteckt, Popos werden geschlagen, Leute werden an die Decke gefesselt. Und zu meinem eigenen Erstaunen war das tatsächlich sehr erregend gefilmt, gerade an der Grenze zur Pornografie, damit es nicht nur in sehr speziellen Kinos gezeigt werden kann.

Viel wichtiger als die Kritik an der Qualität des Filmes halte ich also diese Kritik: Christian Grey ist kein besonders guter Top bis zu dem Punkt, dass sogar mir einige entscheidende Fehler aufgefallen sind. Aus der BDSM-Szene selbst, wo das alles schon tausendfach durchgesprochen und, naja, gemacht wurde, kommt dann noch weitaus schärfere Kritik an den Praktiken im Film. Ich war beinahe erstaunt davon, dass Christian am Ende das Safeword respektiert hat, wo er es doch vorher nicht ganz so genau genommen hat mit der Einvernehmlichkeit, wenn er Ana offensichtlich zu etwas überredet, was sie vorher explizit als Hard Limit festgelegt hat. Und ein bisschen Recherche verrät, dass einige der Praktiken im Film niemals mit Anfängern durchgeführt werden sollten, weil das Verletzungsrisiko sonst sehr hoch ist. Das ist alles sehr schade – das Geld für den Titelsong wäre vielleicht besser investiert gewesen, mal mit Leuten aus der BDSM-Szene zu reden.

Trotzdem finde ich diesen Film zwar genauso wenig gut wie alle anderen auch, aber es ist toll, dass er existiert. Vielleicht sollten wir uns ein bisschen weniger darüber lustig machen, wenn Leute den Film schauen und sie stattdessen lieber dafür loben, sich mit ihrer eigenen und fremder Sexualität offen auseinanderzusetzen. Und dann, wenn die Akzeptanz da ist, bekommen wir vielleicht ja auch irgendwann einen richtig guten Film mit der selben Thematik. Außerdem hoffe ich, dass Christian Grey eine Person anstellt, die nichts anderes tut, als Buch darüber zu führen, wo seine ganzen Fahrzeuge gerade geparkt sind. Wenn man mit dem Hubschrauber nach Seattle fliegt, mit dem Audi zurück fährt und dann mit dem anderen Audi wieder hin verliert man sonst schon mal den Überblick.

  1. Tatsächlich kommt eine Peitsche im Film vor, aber ausgerechnet diese wird dann eben doch nicht mehr positiv betrachtet. Naja. Man kann nicht alles haben.

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